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Warum Geräte ohne Struktur scheitern – Digitalisierung braucht mehr als neue Hardware

Im Herbst 2021 standen bei uns plötzlich drei Paletten Tablets in der Warenannahme. Mehrere hundert Geräte. Neu, originalverpackt, finanziert über Mittel aus dem DigitalPakt Schule.

Was wir nicht bekamen, war ein Konzept.

Auf dem Papier war alles richtig: moderne Windows-Tablets, vollwertiges Betriebssystem, professionelle Anwendungen. Die Erwartung war klar: Jetzt wird Schule digitaler.

Was fehlte, war nicht Geld.
Was fehlte, war Struktur.


Geräte ohne Konzept sind kein Fortschritt

Die Entscheidung fiel zwischen iPads und Windows-Tablets – konkret dem Microsoft Surface Go 2. Die Wahl fiel auf Windows. Die Argumentation war nachvollziehbar: Mit einem Windows-Gerät kann man „richtig arbeiten“. Ein Tablet wirkte dagegen wie ein Konsumgerät.

Das Problem lag nicht in der Entscheidung für Windows.
Das Problem lag darin, dass die Entscheidung isoliert getroffen wurde.

Es gab kein fertiges Medienkonzept.
Es gab kein Verwaltungskonzept.
Es gab keine getestete Infrastruktur.
Und es gab keinen Praxistest der Geräte vor der Bestellung.

Die Geräte klangen auf dem Papier geeignet.
In der Realität waren sie es nicht.


Vier Stunden pro Gerät – nur für die Einrichtung

Bereits beim ersten Einschalten begann das eigentliche Problem.

Das vorinstallierte Windows war an einen Online-Account gebunden, unsere bestehenden Lizenzen ließen sich nicht ohne Weiteres integrieren. Eine automatische Einbindung in unser damaliges Verwaltungssystem war nicht möglich.

Also begannen wir manuell.

Pro Gerät:

  • Windows neu installieren
  • Software einrichten
  • Benutzeraccounts konfigurieren
  • Office personalisiert herunterladen
  • lokale Anpassungen vornehmen

Dauer: etwa vier Stunden – pro Gerät.

Bei mehreren hundert Geräten ist das keine Aufgabe mehr.
Es ist ein strukturelles Versagen.


Wenn Beschaffung auf Infrastruktur trifft

Hinzu kamen technische Hürden, die vorher niemand geprüft hatte:

  • Imaging nur über kabelgebundenes Netzwerk möglich
  • kein PXE-Boot über WLAN
  • zusätzliche USB-C-auf-LAN-Adapter notwendig
  • nur zertifizierte Adapter funktionierten zuverlässig
  • Zusatzkosten von rund 50 Euro pro Gerät

Noch gravierender:
Die Speicherkapazität war so knapp bemessen, dass Windows-Updates das System an seine Grenzen brachten. Für ein Image benötigt man die doppelte Größe des Installationspakets als freien Speicher. Das war schlicht nicht vorhanden.

Das Gerät war nicht „schlecht“.
Es war für diesen Einsatzzweck nicht geeignet.


Unterrichtszeit, die verpufft

Die Einführung in den Klassen dauerte mehrere Stunden.

Nicht, um didaktische Konzepte zu erproben.
Sondern um Downloads abzuwarten.

Office musste von jedem einzelnen Gerät aus heruntergeladen werden. Installationen dauerten. Updates dauerten. Neustarts dauerten.

Digitale Unterrichtszeit wurde zu Wartezeit.

Parallel arbeiteten fünf Personen monatelang nahezu ausschließlich an Einrichtung und Fehlerbehebung.

Digitalisierung bedeutete in dieser Phase vor allem: Fehlerverwaltung.


Das eigentliche Problem: Systemlogik

Im öffentlichen Bereich funktioniert Beschaffung über Ausschreibungen. Kriterien müssen formal erfüllt werden. Preis spielt eine zentrale Rolle.

Was jedoch häufig fehlt:

  • systematische Praxistests
  • frühzeitige Einbindung der Schulen
  • langfristige Verwaltungsstrategie
  • klare Verantwortungsketten

Ein Gerät kann formal alle Anforderungen erfüllen und dennoch im Schulalltag scheitern.

Digitalisierung wird so zu einer logistischen Aufgabe, nicht zu einer pädagogischen.

Doch selbst wenn Verwaltungsprozesse sauber organisiert wären, bleibt eine weitere strukturelle Frage offen: Wie viel Vielfalt erlaubt das System überhaupt?

Ein weiterer struktureller Aspekt wird in der Diskussion oft übersehen: die Frage der Vielfalt.

Wenn Ausschreibungen zentral formuliert werden und für alle Schulen gleichermaßen gelten, entsteht zwangsläufig ein Durchschnittsgerät. Doch Schulen sind keine Durchschnittsinstitutionen.

Eine Berufsschule, die mit CAD-Software arbeitet, hat andere technische Anforderungen als eine Schule, in der vor allem Textverarbeitung, Recherche oder Bewerbungsmanagement im Mittelpunkt stehen. In der Ausbildungsvorbereitung benötigt man andere Werkzeuge als an einer technisch spezialisierter Berufsschule. Die Sonderpädagogen benötigen andere Computer als die Mediengestalter.

Standardisierung schafft Vergleichbarkeit und vereinfacht Prozesse.
Doch sie darf nicht dazu führen, dass pädagogische Realität an ein Gerät angepasst werden muss.

Digitale Ausstattung sollte sich an den Bedürfnissen der Schulen orientieren – nicht umgekehrt.

Struktur bedeutet daher nicht nur Verwaltungskonzepte und Medienpläne.
Struktur bedeutet auch, Vielfalt systemisch mitzudenken.


Der Wendepunkt

Nach zwei Schuljahren war klar: So geht es nicht weiter.

Wir begannen klein. Eine Klasse startete mit iPads. Lehrkräfte erhielten Geräte zum Testen. Ein MDM-System wurde eingerichtet. Richtlinien wurden definiert. Abläufe wurden standardisiert.

Das Ergebnis war nicht spektakulär.
Es war stabil.

Statt vier Stunden pro Gerät: zentrale Verwaltung.
Statt Einzelinstallation: automatisierte Ausrollung.
Statt Chaos: klare Zuständigkeiten.

Und vor allem: Unterricht funktionierte.

Natürlich gab es noch immer Herausforderungen, allerdings in einer ganz anderen Qualität und Quantität.


Die eigentliche Lehre

Die Surface-Erfahrung war kein Technikproblem.
Sie war ein Strukturproblem.

Digitalisierung braucht:

  • ein Medienkonzept
  • eine Verwaltungsstrategie
  • getestete Infrastruktur
  • Einbindung der Praxis
  • klare Verantwortlichkeiten
  • realistische Wartungsplanung

Und erst danach Geräte.


Der entscheidende Unterschied

Technik ist sichtbar.
Struktur ist unsichtbar.

Technik lässt sich kaufen.
Struktur muss man entwickeln.

Wer Digitalisierung mit Kartons beginnt, wird bei Frust enden.
Wer mit Struktur beginnt, braucht weniger Kartons.

Digitalisierung ist kein Einkaufsprozess.
Sie ist ein Organisationsprozess.

Und genau dort entscheidet sich, ob Geräte Bildung verändern – oder nur Budgets.

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