Veröffentlicht in

Digitalisierung scheitert nicht an Lehrkräften – sondern an fehlender Verlässlichkeit

Vor drei Jahren wurde an unserer Schule ein neues digitales Tool eingeführt.
Ein Online-Pinnwand-System – datenschutzkonform, offiziell lizenziert, pädagogisch empfohlen. Es wurde als Alternative zu bestehenden Plattformen wie Padlet oder trello präsentiert, die aus rechtlichen Gründen nicht genutzt werden durften.

Es gab Fortbildungen.
Es gab Präsentationen.
Es gab die klare Botschaft: Das ist die Zukunft.

Ich bin IT-Koordinator an meiner Schule.
Ich war nicht nur dabei. Ich war mitverantwortlich dafür, dass es gelingt.

Ich habe Schulungen gehalten.
Ich habe Kolleginnen und Kollegen überzeugt.
Ich habe selbst meine komplette Planung in dieses System überführt.

Und jetzt, wenige Jahre später, wird das Tool eingestellt.
Nicht aus pädagogischen Gründen.
Nicht wegen Datenschutzproblemen.
Sondern wegen Lizenzkosten.

Was bleibt, ist nicht nur ein technisches Problem.
Was bleibt, ist ein Vertrauensbruch.


Das eigentliche Problem

Digitalisierung in Schule scheitert nicht an mangelnder Bereitschaft von Lehrkräften.

Sie scheitert an fehlender strategischer Verlässlichkeit.

Wenn ein System offiziell eingeführt wird, dann ist das mehr als ein Softwarekauf. Es ist eine strukturelle Entscheidung. Es bedeutet:

  • Zeitinvestition
  • Umstellung von Arbeitsroutinen
  • Veränderung von Unterrichtsdesign
  • persönliche Lernkurve
  • Vertrauen in institutionelle Entscheidungen

Gerade für Kolleginnen und Kollegen, die nicht digital aufgewachsen sind, ist der Schritt in ein neues System eine enorme Hürde. Wer sich nach Jahren mit analogen Strukturen erstmals auf ein digitales Planungs- und Organisationstool einlässt, tut das nicht nebenbei. Das ist ein Kraftakt.

Und wenn dieses System nach wenigen Jahren wieder abgeschaltet wird, dann entsteht ein rational nachvollziehbarer Gedanke:

Warum sollte ich mich beim nächsten Tool wieder einarbeiten?


Die psychologische Dimension, die niemand ernst nimmt

Veränderungsprozesse brauchen drei Dinge:

  1. Sinn
  2. Sicherheit
  3. Stabilität

Was wir oft liefern, ist:

  • Euphorie bei Einführung
  • Pflichtfortbildungen
  • moralischer Druck („Digitalisierung ist alternativlos“)
  • und später: Budgetentscheidungen ohne pädagogische Rückbindung

Für Lehrkräfte bedeutet das:

  • Zeitverlust
  • Datenmigration
  • Frustration
  • erneute Unsicherheit

Und für diejenigen, die ohnehin skeptisch waren, ist es die perfekte Bestätigung:

„Hab ich doch gleich gesagt.“

Das ist kein Widerstand gegen Innovation.
Das ist Schutz vor Instabilität.


Zahlen, die das Problem einordnen

Internationale Vergleichsstudien wie ICILS 2023 zeigen, dass Deutschland im Bereich digitaler Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern weiterhin nur im Mittelfeld liegt.

Gleichzeitig geben Lehrkräfte in Befragungen immer wieder an, dass zentrale Hemmnisse sind:

  • fehlende nachhaltige Strategien
  • mangelnde Verlässlichkeit von Systemen
  • unzureichende langfristige Finanzierung
  • hoher individueller Mehraufwand

Hardware wurde im Rahmen des Digitalpakts massiv angeschafft.
Aber nachhaltige Strukturen, Supportmodelle und langfristige Lizenzstrategien sind vielerorts unklar.

Digitalisierung wurde als Projekt behandelt.
Sie ist aber Infrastruktur.

Und Infrastruktur stellt man nicht alle drei Jahre um.


Kosten: Eine Frage der Relation

Die Entscheidung, das Tool aufgrund von Lizenzkosten einzustellen, lässt aufgrund der Kosten nach offiziellen Preistabellen schwer nachvollziehen: Demnach fallen ca. 6.800 Euro pro Jahr an Lizenzkosten für die rund 2900 Lehrkräfte an – diese wurden nicht weiter genehmigt.

Bei ca. 45.300 Schülerinnen und Schülern entspricht das ungefähr 15 Cent pro Schüler und Jahr – eine sehr geringe Summe, wenn man sie in Relation setzt zu dem, was Schulen durch instabile digitale Infrastruktur verlieren: Planbarkeit, Vertrauen und kontinuierliche Arbeitsprozesse.

Diese Summe – 15 Cent pro Kopf und Jahr – ist faktisch so niedrig, dass sie selbst bei sehr knappen Bildungshaushalten kein unvertretbar hoher Posten ist. Gleichzeitig ist sie genau der Betrag, der nun nicht investiert wird, um eine datenschutzkonforme Plattform langfristig bereitzustellen.

Oder anders ausgedrückt: Für weniger als einen Euro pro Klasse im Monat entfällt eine datenschutzkonforme, etablierte Plattform, die in vielen Schulen bereits strukturell verankert war.


Was diese Entscheidung konkret bewirkt

Als IT-Koordinator stehe ich nun vor mehreren Gruppen:

Die Engagierten

Sie haben sich eingearbeitet.
Sie haben Inhalte aufgebaut.
Sie haben vielleicht erstmals erlebt, dass digitaler Unterricht ihnen Struktur erleichtert.

Sie sind (zu recht) frustriert.

Die Skeptischen

Sie sagen jetzt:

„Zum Glück habe ich nicht mitgemacht.“

Beim nächsten Tool werden sie sich noch stärker verweigern.

Die Pragmatiker

Sie kehren zurück zu:

  • Word-Dokumenten
  • klassischen Arbeitsblättern
  • USB-Sticks
  • Papierordnern

Denn eines ist sicher:
Ein Arbeitsblatt wird nicht wegen Lizenzkosten abgeschaltet.


Der gefährlichste Effekt: Innovationsmüdigkeit

Wenn Digitalisierung bedeutet:

  • neue Tools lernen
  • wieder alles umbauen
  • wieder migrieren
  • wieder Fortbildung
  • wieder Unsicherheit

dann entsteht kein Innovationsgeist.

Es entsteht Zynismus.

Und Zynismus ist der größte Feind jeder Schulentwicklung.


Datenschutz vs. Praxis

Ein weiteres strukturelles Problem:

Wir verbieten datenschutzrechtlich unsichere Tools – nachvollziehbar.

Wir führen Alternativen ein – gut.

Aber wenn diese Alternativen nicht langfristig finanziell abgesichert sind, entsteht folgendes Dilemma:

  • Entweder Lehrkräfte gehen zurück in den analogen Modus.
  • Oder sie nutzen inoffiziell wieder andere Plattformen.

Beides untergräbt die eigentliche Zielsetzung.


Warum mich das persönlich betrifft

Ich habe nicht nur zugesehen.

Ich habe aktiv überzeugt.

Ich habe argumentiert, warum dieses System sinnvoll ist.
Ich habe Kolleginnen und Kollegen ermutigt, Zeit zu investieren.
Ich habe selbst meine eigene Planungsstruktur darauf aufgebaut.

Wenn ich jetzt erklären muss, dass alles wieder eingestellt wird, betrifft das nicht nur Technik.

Es betrifft Glaubwürdigkeit.

Und das ist in Schulentwicklungsprozessen ein extrem sensibles Gut.


Das strukturelle Missverständnis

Digitalisierung wird häufig als:

  • Innovationsprojekt
  • Modernisierungsschub
  • Transformationsinitiative

kommuniziert.

In Wahrheit ist sie:

  • Infrastruktur
  • Dauerbetrieb
  • systemische Grundentscheidung

Niemand käme auf die Idee, alle drei Jahre das komplette Notensystem zu wechseln.
Oder das Stundenplanprinzip.
Oder die Prüfungsformate.

Aber bei digitalen Tools akzeptieren wir genau diese Instabilität.


Was es stattdessen bräuchte

Wenn wir Digitalisierung ernst meinen, brauchen wir:

1. Mindestlaufzeiten

Ein eingeführtes System muss eine garantierte Nutzungsdauer haben.
Keine kurzfristigen Budgetkorrekturen nach wenigen Jahren.

2. Transparente Evaluationszyklen

Wenn etwas eingestellt wird, muss nachvollziehbar sein:

  • warum
  • mit welchen Alternativen
  • mit welcher Übergangsstrategie

3. Datenmigration

Wenn Systeme beendet werden, braucht es verbindliche Export- und Übergabelösungen.

4. Langfristige Finanzplanung

Digitale Infrastruktur ist kein Add-on.
Sie ist Teil des Schulbetriebs.

5. Ehrliche Kommunikation

Lehrkräfte dürfen nicht das Gefühl haben, Versuchskaninchen zu sein.


Die unbequeme Wahrheit

Wenn wir so weitermachen, wird Digitalisierung in Schule immer wieder an demselben Punkt scheitern:

Nicht an Technik.
Nicht an Kompetenz.
Nicht am Alter der Lehrkräfte.

Sondern an mangelnder institutioneller Verlässlichkeit.

Und solange Lehrkräfte nicht darauf vertrauen können, dass eingeführte Systeme Bestand haben, werden sie rational handeln:

Sie werden auf das setzen, was bleibt: Papier bleibt.


Stabilität ist keine Option

Digitalisierung ist kein Trend.
Sie ist keine Imagekampagne.
Und sie ist schon gar kein Projekt mit Start- und Enddatum.

Sie ist Infrastruktur.

Und Infrastruktur bedeutet: Verlässlichkeit. Planbarkeit. Dauerhaftigkeit.

Wenn wir von Lehrkräften erwarten, dass sie sich einarbeiten, umdenken, umstrukturieren und Verantwortung übernehmen, dann müssen wir im Gegenzug dafür sorgen, dass die Systeme, in die sie investieren, Bestand haben.

Nicht jedes Tool wird bleiben.
Aber jede Entscheidung braucht eine langfristige Perspektive.

Solange Digitalisierung wie ein befristetes Projekt behandelt wird, wird sie auch so wahrgenommen werden: als Risiko.

Erst wenn sie als stabile Grundlage gedacht wird, kann sie wirken.

Verlässlichkeit ist kein Luxus.
Sie ist die Voraussetzung.

Was sind eure Erfahrungen? Wo fehlt Verlässlichkeit bei euch?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert